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Ich lernte sechs Jahre Russisch. Die Erinnerungen des Kriegsgefangenen Claus Fritzsche.

https://erlangenwladimir.wordpress.com/2013/08/12/ich-lernte-sechs-jahre-russisch-die-erinnerungen-des-kriegsgefangenen-klaus-fritzsche/

1998 erschien in der Wladimirer Zeitung Tomix ein Artikel des Dramatikers Lew Protalin, dessen Stück „Scharf“ in der Übersetzung von Peter Steger 1995/96 auf dem Spielplan des Theaters Erlangen gestanden hatte. Den bereits verstorbenen Autor (s. Blog-Eintrag unter http://is.gd/Glskmf) bewegte immer besonders das Thema der Versöhnung der einstigen Kriegsgegner, weshalb er sich auf Anregung seines Erlanger Freundes, Wolfgang Morell, daran machte, die Erinnerungen von dessen Kameraden aus der Kriegsgefangenschaft, Claus Fritzsche, künstlerisch zu bearbeiten. Jetzt erst, beim jüngsten Veteranentreffen Anfang Juli überreichte der Veteran dieses kostbare Fundstück aus der Schatzkammer der Partnerschaft, das der Blog nun exklusiv erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt:




„Sind Sie Russe?“ fragte ich. „Nein, aber ich hatte acht Jahre lang Gelegenheit, die russische Sprache zu erlernen.“ „Waren Sie in Gefangenschaft?“ „Ja, und überlebt habe ich nur dank einfachen russischen Menschen.“ Ich war, wie ich zugeben muß, baß erstaunt. „Und mein Vater“, sagte ich schließlich, „war in deutscher Gefangenschaft, flüchtete und überlebte auch nur dank einfachen deutschen Menschen, die ihn bis zum Eintreffen unserer Truppen auf ihrem Bauernhof versteckt hielten.“ „Wir müssen unbedingt miteinander sprechen!“ rief der ansonsten so beherrschte Wolfgang aus, von dessen zurückhaltendem Wesen ich mich später überzeugen konnte.[Spoiler (click to open)]

So sah unsere Bekanntschaft aus, die später zu einer Freundschaft heranreifen sollte, auf die ich stolz bin, die ich wertschätze.

In einem seiner jüngsten Briefe ließ Wolfgang mich an einer Freude teilhaben. Ein Kamerad aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft, Claus Fritzsche, habe ihn gesucht. Wolfgang ließ mich in diesem Brief wissen, Claus habe seine Erinnerungen an die Jahre im Lager aufgeschrieben. Und er fragte mich, ob ich nicht diese Memoiren literarisch bearbeiten wolle.


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Ich lernte sechs Jahre Russisch. Die Erinnerungen des Kriegsgefangenen Claus Fritzsche.

12. August 2013 von wladimirpeter






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1998 erschien in der Wladimirer Zeitung Tomix ein Artikel des Dramatikers Lew Protalin, dessen Stück „Scharf“ in der Übersetzung von Peter Steger 1995/96 auf dem Spielplan des Theaters Erlangen gestanden hatte. Den bereits verstorbenen Autor (s. Blog-Eintrag unter http://is.gd/Glskmf) bewegte immer besonders das Thema der Versöhnung der einstigen Kriegsgegner, weshalb er sich auf Anregung seines Erlanger Freundes, Wolfgang Morell, daran machte, die Erinnerungen von dessen Kameraden aus der Kriegsgefangenschaft, Claus Fritzsche, künstlerisch zu bearbeiten. Jetzt erst, beim jüngsten Veteranentreffen Anfang Juli überreichte der Veteran dieses kostbare Fundstück aus der Schatzkammer der Partnerschaft, das der Blog nun exklusiv erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt:

Fritzsche Tomix„Sind Sie Russe?“ fragte ich. „Nein, aber ich hatte acht Jahre lang Gelegenheit, die russische Sprache zu erlernen.“ „Waren Sie in Gefangenschaft?“ „Ja, und überlebt habe ich nur dank einfachen russischen Menschen.“ Ich war, wie ich zugeben muß, baß erstaunt. „Und mein Vater“, sagte ich schließlich, „war in deutscher Gefangenschaft, flüchtete und überlebte auch nur dank einfachen deutschen Menschen, die ihn bis zum Eintreffen unserer Truppen auf ihrem Bauernhof versteckt hielten.“ „Wir müssen unbedingt miteinander sprechen!“ rief der ansonsten so beherrschte Wolfgang aus, von dessen zurückhaltendem Wesen ich mich später überzeugen konnte.
Lew Protalin

Lew Protalin

So sah unsere Bekanntschaft aus, die später zu einer Freundschaft heranreifen sollte, auf die ich stolz bin, die ich wertschätze.

In einem seiner jüngsten Briefe ließ Wolfgang mich an einer Freude teilhaben. Ein Kamerad aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft, Claus Fritzsche, habe ihn gesucht. Wolfgang ließ mich in diesem Brief wissen, Claus habe seine Erinnerungen an die Jahre im Lager aufgeschrieben. Und er fragte mich, ob ich nicht diese Memoiren literarisch bearbeiten wolle.
Claus Fritzsche und Wolfgang Morell beim Veteranentreffen Juli 2013 in Erlangen

Claus Fritzsche und Wolfgang Morell beim Veteranentreffen Juli 2013 in Erlangen

Dem Freund eine Absage erteilen, wollte und konnte ich nicht. Und so erreichte mich schon bald aus Deutschland ein voluminöser Umschlag. Ich öffnete ihn und lese und finde neben bitteren, für die Seele von Claus, wie zu spüren ist, noch immer leidvollen Erinnerungen, die ungewollt auch in meiner Seele Schmerz wecken, solche, die man gar nicht ohne ein Gefühl des Stolzes auf die „einfachen russischen Menschen“ lesen kann. Jener Menschen, deren Güte es zu verdanken ist, daß Claus und Wolfgang – und mit ihnen, wie man annehmen darf, viele deutsche Gefangene – überlebten und nach Hause zurückkehren konnten.

Ich lese weiter – und… Was für ein Blendwerk?! Claus schildert, was ihm 1945 ein russischer Arzt im Lager erzählte, und beschreibt damit die Umstände der Rettung meines Vaters aus der deutschen Gefangenschaft! So etwas von unwahrscheinlich! Das gibt es doch nicht! Am Ende stimmt’s gar noch. Aber als ich dann weiterlese, begreife ich: Nein, natürlich ist da ein anderer Fall gemeint, der Fall eines anderen Mannes, dem es wie meinem Vater – und offensichtlich vielen russischen Kriegsgefangenen – nur dank der rettenden Anteilnahme von „einfachen Deutschen“ an ihrem Schicksal zu überleben gelungen ist.

Lew Protalin

Die Russen nannten mich Kolja, und mir gefiel er sehr, wie ich zugebe, dieser weiche Klang der russischen Variante meines Vornamens.

ch bin 1923 geboren. Soweit ich zurückdenken kann, träumte ich immer davon, Flieger zu werden. Pilot! Es sollte anders kommen. Aber meine Ausbildung zum Bordfunker machte ich, 1941 ging’s für mich los.

Die Kameraden von der Ausbildung verteilte man auf die Frontabschnitte der Luftwaffe. Mich aber ließ man – zu meiner großen Verzweiflung! – als Hilfslehrer in der Fliegerschule zurück.

Nicht ohne Mühe und auch nicht mit einem Schlag, aber immerhin gelang es mir, einen Ausweg zu finden. Ich reichte beim Kommandeur der Fliegerschule ein Gesuch mit dem Wunsch ein, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Die Lehrgänge schloß ich erfolgreich ab. Ich erhielt den Rang eines Feldwebels! Doch um den nächsten Offiziersgrad, den eines Leutnants, zu erreichen, war nach den seinerzeit geltenden Vorschriften ein zumindest kurzzeitiger Kampfeinsatz notwendig. So blieb dem Kommandeur gar keine andere Wahl, als mich an die Front zu schicken! Den Vorschriften sei Dank!

Anfang Juni 1943, eine Woche nachdem ich mit meinen Freunden den 20. Geburtstag gefeiert hatte, erhielt ich den Einsatzbefehl für die Ostfront. Man überreichte mir die notwendigen Unterlagen, ich lese sie… und traue meinen Augen nicht. Ich war ganz außer mir vor Freude! Ich bin zum Kommandeur einer Funkereinheit ernannt. Das ist doch gleichbedeutend mit dem Posten des Leiters einer stationären Funkstelle auf einem Flugplatz! Leutnants-Streifen und Orden, da waren sie! Zum Greifen nah!

Eine romantische Stimmung der Seele und eine naive Leichtigkeit der Gedanken ist, wie ich glaube, nicht etwas gar so sehr Originelles oder etwas ganz und gar Unverzeihliches für einen zwanzigjährigen Mann. Deshalb wird, wie ich hoffe, der Leser verstehen, warum ich mich im Traum schon als ordensbehängt und geschmückt mit den begehrten Leutnants-Streifen sah. Außerdem sollte man nicht unbeachtet lassen, daß ich trotz allen schweren Verlusten vom Winter 1942/43 noch immer unerschütterlich an den „Endsieg unseres Führers“ glaubte.

Kaum hatte ich die Ernennung erhalten, als ich schon in eine Buchhandlung stürmte, um ein Lehrbuch der russischen Sprache zu kaufen. Ich will hoffen, der Leser nimmt es mir ab, wenn ich bekenne, mich wirklich auf die bevorstehende Begegnung mit russischen Menschen gefreut zu haben, auf die Möglichkeit eines engen Umgangs mit ihnen und hoffnungsfroh gewesen zu sein, das mit Hilfe des Lehrbuchs auch zu schaffen.

Die erste nähere Bekanntschaft, die ich mit Russisch sprechenden Menschen machte, kam schon recht bald zustande, genau eine Woche nach meinem Eintreffen an der Front. Der Bomberpilot, dessen Besatzung ich als Funker angehörte, flog seinen ersten Kampfeinsatz und wurde im Nachthimmel über dem Kaspischen Meer abgeschossen.

Meinem engen Umgang mit russischen Menschen – viel enger, als ich ihn mir vor meinem Marschbefehl nach Rußland in meinen Träumen hatte vorstellen können – war es beschieden, sich auf sechs Jahre zu erstrecken.

Im Mai 1944 führte mich das Schicksal, nachdem es mich bis dahin schon in einige andere Lager gebracht hatte, in ein großes Lager bei Talizy, Kreis Wjasniki im Gebiet Wladimir. Hier gab es eine Antifaschistische Schule, und ich äußerte den Wunsch, sie zu besuchen. Die Bibel der marxistischen Weltanschauung studierte ich zusammen mit einem Schnellkurs der Geschichte der Kommunistischen Allunionspartei der Bolschewiken sowie der Geschichte der Arbeiterbewegung Deutschlands gewissenhaft und nicht ohne Erfolg. Im Winter 1944/45 schloß ich die Schule ab. Bald darauf erscholl der Befehl: „Sachen packen und auf den Gang heraustreten!“ Die Russen sagen, wenn ein Armer seine Sachen packt, ist es, als ob man sich mit dem Rotz neu gürten wollte. Ein Kriegsgefangener tut sich noch leichter, seine Siebensachen zu packen.

Im Gang machte sich eine Einheit von hundert Mann zum Abmarsch bereit. Bis Wjasniki geht es zu Fuß, dann weiter mit der Bahn bis Dserschinsk, von da wieder zu Fuß Richtung Norden. Wohin wir gehen, weiß niemand. Die Wachsoldaten schweigen eisern. Wir kommen zu einem kleinen Dorf. Dahinter erheben sich Türme. Wir kommen näher und begreifen: ein Lager mit Unterständen, mit Erdhütten.

Das Dorf hieß Pyra. Für den Namen des Lagers ließ man sich nicht mehr einfallen als „Pyra im Torf“. Davon, was Torf ist und wie man ihn abbaut, hatte ich bis dahin eine von der Wirklichkeit recht weit entfernte Vorstellung. Auch Erdhütten hatte ich noch nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn, daß ich dort hätte unterkommen müssen. 30% der aufgelisteten Belegschaft des Kriegsgefangenenlagers in Pyra im Torf überlebte den Winter nicht.

Im September 1945 war ich im Lager 469/3, unweit der Station Igumnowo im Gebiet Gorkij, nahe des 96. Chemiewerks. Im Vergleich zu Pyra erschienen mir die Bedingungen im neuen Lager schlichtweg luxuriös. Als Wohnheim für die ungefähr 500 Kriegsgefangenen hatte man hier eine ehemalige Lagerhalle des Werks umgebaut. Unter einem gemeinsamen Dach fanden sich der Schlafraum, die Kantine, die Küche, die Naßzellen mit Duschen und Banja, die Desinfektionsstelle und das medizinische Behandlungszimmer. Sogar Zentralheizung gab es hier. Das reinste Paradies!

Ende September brachte man mehrere Lkw-Ladungen Kartoffeln als Wintervorrat ins Lager. Wir legten die Kartoffeln in Mieten und deckten sie mit Planen ab. Der Frost setzte ein. Die Kartoffeln erfroren. Die gefrorenen Kartoffeln wanderten gleich in den Kessel, ein bekanntes Verfahren. Dabei nehmen übrigens weder Geschmack noch Nährwert nennenswerten Schaden. Doch im Dezember kam dann Tauwetter. Die Kartoffeln tauten auf. Nach dem Tauwetter Frost. Dann wieder Tauwetter. Die Kartoffeln verfaulten bis auf die letzte Knolle. Anderes Gemüse gab es im Lager nicht. Ebensowenig wie es andere Lebenmittel gab. Außer Brot.

Die Lagerleitung ergriff deshalb folgende Maßnahme. Die festgelegte Tagesration für jeden Kriegsgefangenen von 50 g Fleisch, 20 g Fett, 120 g Graupen und 100 g Gemüse wurde durch Brot kompensiert. Im Ergebnis betrug nun die Tagesration bis zu zwei Kilogramm Brot.

Morgens Kascha, also Brei aus Brot. Zu Mittag Brotsuppe. Und zudem gab es noch ein Kilo Brot auf die Hand.

Anfangs waren wir froh. Endlich sattessen! Aber wir freuten uns, wie sich bald herausstellte, vergeblich. Der Mangel an für den Organismus notwendigen Vitaminen führte bald zu Symptomen von Skorbut. Unter den Gefangenen machte das Gerücht die Runde, „die heimtückischen Russen wollten uns mit dieser Ernährung listig ums Leben bringen“. Ich kann von mir aufrichtig sagen, daß ich dies nicht glauben konnte. Aber auch die Lagerleitung konnte ich nicht verstehen. Schließlich wußte ich nur zu gut, daß die Zivilbevölkerung jenseits des Lagerzauns bei einer Tagesration von gerade einmal 200 bis 300 g Brot Hunger leiden mußte. Und wir erhielten je zwei Kilo und litten unter dem Übermaß. Wo blieb da die Logik?

Die Ergebnisse der Unvernunft seitens der Leitung mußten wir da wohl selbst zu verbessern versuchen. Unsere Arbeitsbrigaden waren ganz in der Nähe von Brigaden mit zivilen Beschäftigten in den verschiedenen Werkshallen eingesetzt. Wir schafften es, aus dem Lager in den Arbeitsbereich Brot zu bringen und es bei den russischen Arbeitern gegen andere Lebensmittel – hauptsächlich vitaminreiche wie Zwiebeln und Kohl – einzutauschen. Dank diesem Umstand überlebte die Mehrzahl derer, die zur Arbeit geführt wurden, diese Zeit der einseitigen Ernährung mit Brot ohne größere Probleme.

In einer viel schwierigeren Lage waren jene, die wegen Dystrophie nicht arbeiten konnten. Viele von ihnen erkrankten an Skorbut. In seiner schwersten Form. Skorbut äußert sich ja nicht nur in einer Entzündung des Zahnfleisches und in Zahnausfall. Die Krankheit verursacht auch unerträgliche Gelenkschmerzen und führt schließlich zu einer Lähmung der Gliedmaßen.

Eine unserer Brigaden arbeitete in einer gesundheitsschädlichen Werkhalle. Wegen des Übermaßes an Chlor in der Luft konnte man dort nur mit Gasmaske arbeiten, und zudem herrschte dort ständig eine sehr hohe Temperatur. Unter Berücksichtigung dieser erschwerten Bedingungen erhielten alle, die dort arbeiteten, Milch und kamen in den Genuß des für die anderen Kriegsgefangenen unerreichbaren Privilegs, die Dienste der Betriebspoliklinik in Anspruch nehmen zu dürfen.

Einmal wandte sich ein Mitglied dieser Brigade an mich. Er litt an schlimmen Zahnschmerzen und bat mich – damals sprach ich schon einigermaßen leidlich Russisch -, ihn als Dolmetscher in die Poliklinik zu begleiten.

Wir gingen in die Poliklinik, betraten die Anmeldung. Ich erklärte der Krankenschwester, mein Kamerad sei ein „Mitglied der gesundheitsschädlichen Werkhalle“ und leide an unerträglichen Zahnschmerzen, weshalb wir sie bitten, uns zu einem Arzt zu lassen.

ie Krankenschwester hörte mich aufmerksam an, betrachtete mitleidig die angeschwollene Backe meines Kameraden, während ich beim Vortrag unserer Bitte unwillkürlich darüber nachsann, was diese russische Frau nun wohl denken und fühlen mochte angesichts der vor ihr stehenden beiden Deutschen, der Kriegsgefangenen, die noch vor gar nicht so langer Zeit Gegner in einem grausamen Krieg waren, Faschisten. „Was geschähe wohl im analogen Fall mit russischen Kriegsgefangenen in Deutschland?“ fragte ich mich selbst. Man hätte sie wohl unverzüglich aus der Poliklinik entfernt… Möglicherweise erschien mir eben wegen dieser Gedanken die Reaktion der Krankenschwester auf unsere Bitte wie ein Wunder.

Ohne weitere Fragen füllte die Frau für meinen Kameraden einen Behandlungsschein aus und begleitete uns höflich und freundschaftlich zum Behandlungszimmer des Zahnarztes. Dort warteten schon viele in der Schlange. Die Bänke entlang der Wand im Flur reichten nicht einmal für die Hälfte derer, die alle zum Arzt wollten. Und da geschah plötzlich das zweite Wunder! Einer der wartenden Russen stand auf und bot seinen Platz auf der Bank meinem kranken Kameraden an. Und auch das dritte Wunder ließ nicht lange auf sich warten: Die Ärztin schaute aus ihrem Zimmer heraus und rief uns außerhalb der Reihe herein.

Im Behandlungszimmer saß ich dabei, während die Ärztin meinen Kameraden behandelte, und sie führte mit mir ein ungezwungenes Gespräch, erkundigte sich mit ungeheucheltem Interesse nach meinem Schicksal. Sie war eine junge Frau und sehr sympathisch. Mit ihr gleich über welches Thema zu sprechen, war angenehm, sogar wenn es um das sauere Schicksal eines Kriegsgefangenen ging.

Nach der Behandlung des Kameraden sagte die Ärztin: „Jetzt setzen Sie sich hierher, mal sehen, was Ihre Zähne so machen.“ Ich war baff. Verwirrt gab ich zurück, keinen Grund zur Klage zu haben. Außerdem gehörte ich nicht zu der Brigade in der gesundheitsschädlichen Werkshalle. „Setzen Sie sich!“ wiederholte sie noch nachdrücklicher, fast im Befehlston.

„Skorbut“, schlußfolgerte die Ärztin nach einem Blick in meinen Mund. „Das muß man behandeln! Andernfalls verlieren Sie bald Ihre Zähne.“ Sorgfältig bearbeitete sie mein Zahnfleisch mit einer Flüssigkeit, bewirtete uns beide mit Ascorbinsäure und sagte zum Abschied, wir sollten in zwei Tagen unbedingt zum Nachschauen kommen.

Sie rettete nicht nur meine Zähne. Ihrem Drängen folgend, brachte ich noch sehr viele Kameraden zu ihr. Und niemand in der Poliklinik fragte auch nur ein einziges Mal, ob denn diese Patienten Mitglieder der Brigade aus der gesundheitsschädlichen Werkshalle seien.

Einmal nahm ich meinen Mut zusammen und fragte unsere Retterin: „Was bewegt Sie, uns zu helfen? Und das auch noch so selbstlos und in diesem Umfang?“ „Mein Bruder“, erwiderte sie, „ist in deutsche Gefangenschaft geraten. Er ist geflüchtet, man hat ihn erwischt und ins Konzentrationslager Dachau gesperrt, was seinen unausweichlichen Untergang bedeutete. Aber wie durch ein Wunder gelang es ihm, auch aus diesem Todeslager zu fliehen. Und doch, wie Sie sicher verstehen, war es leichter zu fliehen, als sich vor der Verfolgung zu schützen und erst recht leichter, als irgendwo sicheren Unterschlupf zu finden. Aber er hatte Glück. Eine Bauernfamilie fand ihn, halbtot vor Hunger und Müdigkeit, in den Bergen Süddeutschlands. Diese guten und mutigen Leute haben ihn nicht nur nicht den Faschisten ausgeliefert, sondern haben ihn auch durchgefüttert und versteckt, bis die amerikanischen Truppen einrückten. Mein Bruder kehrte gesund und munter nach Hause zurück. Ich halte es für meine Pflicht, den Deutschen mit Gutem zu vergelten, was sie an Gutem für meinen Bruder getan haben.“

Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Viele Ereignisse und Eindrücke sind aus dem Gedächtnis gelöscht. Viele Namen sind vergessen. Nur nicht der Name dieser erstaunlichen russischen Frau. Ich bin überzeugt, daß dieser Name im dankbaren Gedächtnis vieler meiner Kameraden aus der Kriegsgefangenschaft nicht weniger stetig bewahrt bleibt, als in meiner Erinnerung. Herzlichen Dank an Sie, liebe Tamara Alexejewna Jemeljanowa!

Das Projekt Lew Protalins wurde von der Zeitung leider nicht weiterverfolgt. Deshalb mehr – sehr viel mehr – zu den Erinnerungen des Veteranen unter http://www.clausfritzsche.de

Claus Fritzsche

Vielen Dank an Peter Steger für die Übersetzung.
Mein erstes Buch über den Gefangenschaft habe ich in Russisch verfasst, und die Grundlage für den Artikel des Lew Protalin bildete das erste Teilmanuskript, d.h. eine Urschrift, die noch keinen Verlagslektor passiert hatte.
Unbedingt korrigieren möchte ich den Namen des Zahnarztes – in Wirklichkeit
der Zahnärztin, deren Vor- und Vaternamen ich vergessen hatte.
Erst im Jahr 2000 traf ich bei einem Besuch der Chemiefabrik Zavodstroj die
Assistentin (MTA) der Zahnärztin. Von Ihr erfuhr ich, dass ich auf sie großen Eindruck gemacht hatte, wie auch die richtigen Namen der Ärztin:
Tamara Alexejevna Jemeljanova.
Diese Geschichte habe ich mindestens 20 Mal vorgelesen, und bin immer wieder in starke Gefühlswallungen verfallen. Auch heute wieder, als ich meiner Lebensgefährtin vorgelesen habe.
Das war aber nicht das einzige tief beeindruckende Erlebnis dieser Art. In meinem deutsch geschriebenen Buch „Das Ziel – überleben“ (noch im Buchhandel zu erwerben) finden sich Erzählungen darüber.

An Peter Steger geht mein herzlicher Dank für seine Mühe.

Claus Fritzsche
12.07.2013

Tags: друзья Германии, немцы
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